Vogelkot als billigster Küstenschutz tropischer Inseln?
Eine neue Studie in Science Advances legt nahe, dass Seevogel-Guano Riffe nährt, die Atolle wachsen lassen. Seevögel zu schützen ist kluger Küstenschutz, hält das Meer aber nicht allein auf.
KI-generiertes Bild
Man stelle sich einen Küstenschutzplan ohne Beton, ohne Bagger und ohne Ingenieurverträge vor, nur mit Vögeln, die tun, was Vögel eben tun. Das klingt nach einem Scherz. Laut einer neuen Studie ist es aber auch ein ernstzunehmendes Argument dafür, wie flache tropische Inseln über Wasser bleiben könnten.
Die Untersuchung, erschienen in Science Advances und in einer Pressemitteilung vom 21. Oktober vorgestellt, befasst sich damit, wie die von Seevögeln eingetragenen Nährstoffe tropische Atollinseln und die umgebenden Korallenriffe beeinflussen. Ein internationales Team, darunter das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT), kommt zu dem Schluss, dass Seevögel, Riffe und heimische Wälder gemeinsam das Riffwachstum fördern, Küsten stabilisieren und vor Erosion schützen. Der Schutz von Seevögeln und die Wiederherstellung der ursprünglichen Vegetation könnten Atollen helfen, sich an steigende Meeresspiegel anzupassen, so die Autoren.
Die Idee ist weniger abwegig, als sie klingt
Die Logik ist eine Kette, deren Glieder jeweils plausibel sind. Vögel fressen auf See und hinterlassen ihren Kot an Land. Diese Nährstoffe gelangen ins Wasser und wirken als natürlicher Dünger. Laut Spektrum wuchsen Riffe um vogelreiche Inseln deutlich stärker als jene um vogelarme Atolle. Die mit Nährstoffen versorgten Korallen bauten zudem schneller härtere Kalkstrukturen auf, was ein stabileres Riff-Fundament bedeutet.
Das ist wichtig, weil ein Atoll kein starres Gebilde ist. Es ist eine Anhäufung von Riffmaterial, und Riffe, die weiterwachsen, können grundsätzlich weiterhin die Struktur liefern, die Wellen bricht und die Insel mit Sediment versorgt. Der nützlichste Perspektivwechsel dieser Forschung ist unserer Ansicht nach ein konzeptioneller: Sie betrachtet die Seevögel einer Insel als Teil ihrer Infrastruktur und nicht als Kulisse für Touristen.
Vogelschutz ist die seltene Klimamaßnahme, die günstig aussieht
Bei Anpassung geht es meist um Teures. Deiche, Umsiedlungen und technisch gestaltete Küstenlinien kosten Geld, das kleinen Inselstaaten oft fehlt. Der Schutz von Seevogelkolonien und die Wiederbepflanzung mit heimischen Pflanzen sind eine andere Art von Eingriff. Die uns vorliegende Dokumentation nennt keine Kosten, deshalb können wir keine Zahl angeben. Wir halten solche Naturschutzarbeit aber für plausibel deutlich günstiger als harte technische Lösungen, und sie bringt Nebennutzen mit, die Beton nie bietet, etwa Biodiversität und gesündere Wälder.
Hinzu kommt ein politischer Vorteil. Niemand muss auf ein globales Emissionsabkommen warten, um invasive Bedrohungen an einem Nistplatz abzuwehren oder heimische Vegetation nachzupflanzen. Das sind lokale Entscheidungen. Für das Management einer Insel ist das einer der wenigen Hebel in Reichweite.
Dünger ist kein Schutzschild
Hier treten wir auf die Bremse. Die Studie, wie sie im vorliegenden Material beschrieben wird, sagt, Seevogelschutz und Vegetationsrestaurierung könnten Atollen bei der Anpassung helfen. „Könnten helfen“ heißt nicht „werden retten“. Nichts in der Dokumentation deutet darauf hin, dass mit Guano versorgte Riffe jedem Tempo des Meeresspiegelanstiegs davonwachsen können, und es wäre fahrlässig, das Ergebnis so zu lesen. Riffe haben andere Feinde, und Nährstoffe sind nur ein Faktor dafür, ob Korallen gedeihen.
Auch dem Reiz der Schlagzeile sollten wir misstrauen. „Vogelkot bekämpft den Klimawandel“ ist ein großartiger Aufhänger, und genau deshalb ist Vorsicht geboten. Die ehrliche Lesart ist enger: Gesunde Seevogelbestände scheinen ein fehlender Baustein der Riffresilienz zu sein, und ihr Verlust könnte unbemerkt die natürlichen Abwehrkräfte einer Insel schwächen.
Unser Urteil
Seevögel sollten als Küsteninfrastruktur behandelt und entsprechend finanziert werden. Der Schutz von Kolonien und die Wiederherstellung heimischer Vegetation gehören als Maßnahme mit geringem Reuerisiko in jeden Anpassungsplan für Atolle, neben der Senkung der Emissionen und der Planung für die schwierigeren Fälle, nicht an deren Stelle. Steigt das Meer weiter schneller, als ein Riff wachsen kann, entscheidet auch noch so viel Guano die Frage nicht. Doch eine Insel, die ihre Vögel verloren hat, hat einen kostenlosen Verbündeten verspielt, und das ist ein Fehler, den wir vermeiden können.
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