Ein Sonnenschirm im All: erforschen ja, darauf wetten nein
Ein riesiger Schirm im Orbit ist physikalisch vielleicht möglich. Doch er braucht Jahrzehnte und Millionen Tonnen Fracht und ersetzt keine Senkung der Emissionen.
KI-generiertes Bild
Was, wenn der billigste Weg gegen die globale Erwärmung wäre, einen Schatten zu bauen? Die Idee klingt wie ein Science-Fiction-Plot, und so stellt ein Großteil der Presse sie diese Woche dar. Wir halten eine andere Frage für interessanter: Warum bekommt eine Ingenieursfantasie so viel mehr Aufmerksamkeit als die langweilige, bewährte Lösung?
Was tatsächlich auf dem Tisch liegt
Laut Infobae hat ein Konsortium aus Ingenieuren und Klimaforschern in diesem Monat die bislang detaillierteste Analyse eines riesigen Sonnenschirms im Weltraum veröffentlicht. Regionale Medien beschreiben einen Entwurf mit rund 5.000 Satelliten, der etwa 1 % der einfallenden Sonnenstrahlung abhalten soll. Ihren Berichten zufolge würde der Bau 20 bis 40 Jahre dauern und neue Raketen voraussetzen, die Millionen Tonnen ins All befördern können.
Nature beschreibt die Spaltung in der Wissenschaft treffend. Die einen halten das Konzept für reine Fantasie. Eine detaillierte Analyse legt jedoch nahe, dass sinkende Startkosten es in einigen Jahrzehnten machbar machen könnten. Das ist ein vorsichtiges „Vielleicht“, kein grünes Licht. Wir konnten nur Überschrift und Zusammenfassung dieser Beiträge lesen; die technischen Details können wir daher hier nicht beurteilen.
„Machbar“ heißt nicht „sinnvoll“
Physikalisch ist es nicht absurd, einen Planeten zu beschatten. Einen kleinen Teil des Sonnenlichts abzufangen, ist auf dem Papier eine saubere Idee, und darin liegt ihr Reiz. Man sollte aber beachten, worauf die Machbarkeitsbehauptung beruht: auf Startkosten, die weiter sinken müssen, auf neuen Raketen, die laut Plan nötig wären, und auf einer Bauzeit von zwei bis vier Jahrzehnten. Das sind drei Versprechen, die aufeinander aufbauen. Verzögert sich eines, verschiebt sich der gesamte Zeitplan.
Hinzu kommt das Zeitproblem. Ein Projekt, das erst in Jahrzehnten reift, hilft in diesem Jahrzehnt niemandem. Jedes Jahr, das wir auf den Schirm warten, ist zugleich ein Jahr Emissionen, die der Schirm nicht berührt. Ein Sonnenschirm behandelt ein Symptom (die einfallende Wärme) und lässt die Ursache (die Treibhausgase) weiterlaufen. Das ist eine Meinung, doch sie folgt unmittelbar aus der Beschreibung des Vorschlags.
Außerdem stellt sich die Frage, wer entscheidet. Cambio16 weist darauf hin, dass der Vorschlag Fragen zur globalen Steuerung und zu langfristigen Umweltfolgen aufwirft. Wir halten das für den schwierigsten Teil, und keine Rakete löst ihn. Ein Gerät, das die Sonne für alle dimmt, braucht eine Einigung aller, und die Bilanz der Menschheit bei Abkommen dieser Größenordnung ist, vorsichtig gesagt, gemischt.
Das eigentliche Risiko ist der Moral Hazard
Die Gefahr sehen wir nicht darin, dass der Schirm scheitert, sondern darin, dass die Idee als Schlagzeile funktioniert. „Wissenschaftler schlagen Sonnenschirm im Weltraum vor“ liefert Lesern und Politikern eine beruhigende Geschichte: Die Ingenieure werden es richten, also können die schwierigen Entscheidungen zu Energie, Verkehr und Industrie warten. Eine Technologie, die Jahrzehnte entfernt ist, wird zur Ausrede für Untätigkeit im Jetzt.
Das wäre den Forschenden gegenüber unfair, die nach allem, was wir der Berichterstattung entnehmen können, eine Analyse des möglicherweise Machbaren vorlegen und kein Rettungsversprechen. Die Erforschung der Idee hat ihren Wert. Sie zeigt, ob die Zahlen stimmen, was schiefgehen könnte und ob es eine letzte Option gibt, falls sich die Erde stärker erwärmt als erhofft. Die Antwort zu kennen ist besser, als zu raten.
Unser Urteil
Die Studien sollten finanziert, die Zahlen veröffentlicht und die Frage der Steuerung früh diskutiert werden. Das verdient eine ernsthafte Idee. Man sollte aber nicht auf sie setzen. Jeder Plan für die nächsten 20 bis 40 Jahre muss davon ausgehen, dass kein Sonnenschirm kommt, und die Emissionen senken, als würde der Schatten nie eintreffen. Kommt er doch, ist das ein Bonus. Kommt er nicht, haben wir trotzdem einen kühleren Planeten, weil wir gehandelt haben.
Der Sonnenschirm verdient ein Forschungsbudget. Unsere Hoffnung verdient er nicht.
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