Planet & Klima
Curisfera-Redaktion
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Der Riss am Hochvogel ist ein Erfolg der Überwachung, kein Spektakel

Ein Gipfel, der bis zu fünf Millimeter pro Woche aufreißt, zeigt, wie Wasser und Erwärmung die Alpen lockern – und warum seine Sensoren wichtiger sein könnten als sein Absturz.

Veröffentlicht
23. Oktober 2026
Lesezeit
3 min
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KI-generiertes Bild

Sind die Aussichten schlecht, wenn ein Berg auseinanderzubrechen droht? Nicht ganz. Der Hochvogel, ein 2.592 Meter hoher Gipfel in den Allgäuer Alpen an der deutsch-österreichischen Grenze, ist vielleicht das am besten überwachte Stück Fels in Deutschland. Das ist unserer Ansicht nach die eigentliche Geschichte, und sie ist hoffnungsvoller, als es die Countdown-Schlagzeilen nahelegen.

Was dort oben tatsächlich geschieht

Der Gipfel reißt schon lange auf. Bergsteiger beschrieben bereits im 19. Jahrhundert eine „schulterbreite“ Spalte. 2024 beschrieben Forschende der Technischen Universität München (TUM) sie als bis zu sechs Meter breit, 35 Meter lang und 60 Meter tief. In diesem Jahr hat sich das Tempo erhöht. Die Instrumente registrierten im Frühjahr Bewegungen von bis zu fünf Millimetern pro Woche, verglichen mit einem alpinen Durchschnitt von etwa 1,8 Millimetern pro Jahr. Im Juni brachen rund 2.000 Kubikmeter Fels ab.

Die Forschenden schätzen, dass letztlich zwischen 250.000 und 400.000 Kubikmeter abstürzen könnten. Wie BR24 berichtet, weist ein neuerer Riss am südwestlichen Rand, „Spalt 6“ genannt, die höchsten Bewegungsraten auf. Professor Michael Krautblatter erwartet, dass der große Abbruch dort beginnt. Der Zerfall könnte sich noch mehrere Jahre hinziehen.

Der Permafrost-Aspekt ist real, doch dies ist kein Permafrost-Fall

Hier ist Vorsicht geboten, denn die kursierende Darstellung verwischt eine Unterscheidung. Die uns vorliegende Berichterstattung macht auftauenden Permafrost nicht für den Hochvogel verantwortlich. Sie beschreibt einen Dolomitberg, ein Karbonatgestein, das von Natur aus entlang schwacher Schichten bricht, und behandelt den Riss als natürlichen Erosionsprozess. Das Klimasignal, auf das sie verweist, ist Wasser. Johannes Leinauer von der TUM sagt, das Team sehe „einen deutlichen Einfluss von Starkniederschlagsereignissen, also intensivem Regen, Gewittern und Schneeschmelze“. Permafrost ist laut Snowbrains die Hauptursache für Felsstürze rund um den Mont Blanc und das Matterhorn, also in höheren Gipfeln der Westalpen.

Unsere Lesart ist daher: Der Hochvogel ist ein Testfall für klimabedingte Destabilisierung im Allgemeinen, nicht für Permafrost im Besonderen. Das ist wichtig. Ein Berg, der ohnehin irgendwann versagen würde, nun aber durch nassere und stürmischere Witterung schneller vorangetrieben wird, ist genau der Fall, in dem sich der Klimaanteil schwer belegen lässt. Den Quellen zufolge sind sich Wissenschaftler einig, dass der Klimawandel den Prozess beschleunigt. Eine Zahl dafür nennen sie nicht, und wir würden keine erfinden.

Warum die Sensoren wichtiger sind als der Countdown

Mehr als 30 Instrumente erfassen den Gipfel inzwischen millimetergenau, die Daten treffen mehrmals pro Stunde ein. Laserscanner, Drohnen und ein digitaler Zwilling vervollständigen das Bild. Das ist keine Kosmetik. Signale vor einem Abbruch zeigen sich womöglich erst Stunden oder Tage vorher, und nur eine dichte Datenreihe lässt erkennen, wie sie aussehen. Krautblatter zufolge gibt es vergleichbare Frühwarnsysteme nur an zwei weiteren Orten, beide in deutschen Schluchten.

Der seltene Vorzug des Hochvogels: Das Geröll stürzt in unbewohntes Gelände. Damit ist er ein Freiluftlabor, in dem Methoden gefahrlos scheitern dürfen, bevor sie dort eingesetzt werden, wo Menschen leben. Selbst die Rückschläge sind lehrreich: Ein Blitzschlag zerstörte einen Bewegungssensor, und für Spalt 6 ist ein neuer seismischer Sensor geplant.

Einige Grenzen sollten wir klar benennen. Niemand kann sagen, ob der Gipfel in einem Ereignis oder in mehreren über Jahre oder Jahrzehnte abbricht. Ein an einem Dolomitgipfel abgestimmtes Warnsystem lässt sich womöglich nicht ohne Weiteres auf Granit, Gletscher oder permafrostgeprägte Hänge übertragen. Und der dramatische Vergleich mit einer Katastrophe in Nepal im Snowbrains-Beitrag betrifft einen anderen Mechanismus und eine andere Größenordnung; darauf würden wir uns nicht stützen.

Unser Fazit

Der Hochvogel ist weder eine Jahrmarktsattraktion noch der Beweis für eine Permafrost-Apokalypse. Er belegt, dass Starkregen und Schneeschmelze einen ohnehin instabilen Berg beschleunigen können, und er zeigt, dass kontinuierliche Überwachung unsere beste Verteidigung ist. Die vernünftige Reaktion ist unspektakulär: mehr instrumentierte Standorte finanzieren, die Vorläuferdaten veröffentlichen und Zugänge gesperrt halten, wo der Fels es verlangt. Der österreichische Zustieg ist seit 2014 gesperrt. Die deutsche Seite ist weiterhin offen, doch ein großer Abbruch könnte auch dort Steinschlag auslösen. Wer klettern möchte, sollte sich zuvor über aktuelle Sperrungen informieren und den Rissen fernbleiben. Der Berg wird nach seinem eigenen Zeitplan fallen. Was wir bis dahin lernen, können wir beeinflussen.

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