107.000 gehandelte Arten: Schutz muss dem Handel folgen
Eine Studie verdoppelt die Zahl der gehandelten Arten auf 107.356, das globale Ziel erfasst nur 2 bis 3 Prozent davon. Regeln für berühmte Tiere verfehlen den realen Markt.
Foto: Wolf Gordon Clifton / Animal People, Inc. / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Fragt man die meisten Menschen, was „Wildtierhandel“ bedeutet, denken sie an ein Tigerfell oder ein Schuppentier im Sack eines Schmugglers. Dieses Bild ist eindrücklich und, einer neuen Studie zufolge, höchst unvollständig.
Eine Untersuchung unter Leitung der University of Melbourne, erschienen in Science Advances, schätzt, dass weltweit mindestens 107.356 Pflanzen-, Tier- und Pilzarten genutzt und gehandelt werden. Wie Mirage News berichtet, lagen frühere Schätzungen bei rund 50.000. Das Team nennt es die erste umfassende Schätzung dieser Art und warnt, die tatsächliche Zahl könne wegen großer Datenlücken weit höher liegen.
Die Schlagzeilenzahl ist in Wahrheit ein Eingeständnis von Unwissen
Wir würden „107.000“ nicht als Messwert lesen. Es ist eine Schätzung, zusammengesetzt aus lückenhaften Überwachungsprogrammen, und die Autoren selbst sagen, das wahre Ausmaß könne größer sein. Was die Studie tatsächlich misst, ist, wie wenig wir wussten. Die Hauptautorin Alice Hughes sagt, für die meisten dieser Arten gebe es kaum oder gar keine Daten zu Mengen und Herkunft, geschweige denn Bestandsdaten, die zeigen würden, ob der Handel sie bedroht.
Das ist wichtig, denn „der Handel ist größer als gedacht“ ist nicht dasselbe wie „der Handel ist zerstörerischer als gedacht“. Das behauptet die Studie nicht. Sie sagt, dass sich das nicht beurteilen lässt. Aus unserer Sicht ist das der beunruhigendere Befund: ein Markt, der Holz, Meeresfrüchte, Heilpflanzen, Haustiere, Schnittblumen, Zierfische und Pilze umfasst und weitgehend ohne die Zahlen läuft, die nötig wären, um einen Rückgang zu erkennen, bevor er eintritt.
Unsere Ziele wirken, als seien sie für die Prominenten geschrieben
Diese Zahl sollte unserer Ansicht nach auf den Schreibtischen der Politik landen. Hughes sagt, der globale Biodiversitätsrahmen enthalte zwar ein Ziel zum Handel, doch nach Schätzung des Teams deckt es nur etwa zwei bis drei Prozent der gehandelten Arten ab und verfehlt die übrigen 97 Prozent.
Die Studie erklärt nicht, warum. Wir vermuten aber, dass dies passiert, wenn Schutz um charismatische Arten herum aufgebaut wird. Elefanten, Tiger und Schuppentiere sind echte Notfälle, und niemand sollte ihren Schutz zusammenstreichen. Hughes weist jedoch darauf hin, dass der Großteil des Handels legal ist und der legale Handel etwa das Zehnfache des illegalen wert ist. Richten sich Schutzbemühungen überwiegend auf das illegale, fotogene Ende, zielen sie auf den kleineren Teil des Marktes.
Unsere These lautet daher: Schutz sollte dem Handel folgen, nicht dem Ruhm. Das bedeutet nicht, 107.000 Einzelregeln zu schreiben. Es bedeutet, dass die Standardfrage „Wird diese Art bewegt, und in welchen Mengen?“ lauten sollte statt „Steht diese Art auf einer berühmten Liste?“.
Was man nicht zählt, kann man nicht regulieren
Die Studie liefert ein nützliches, unbequemes Detail. Hughes zufolge sind die USA das einzige Land, das Handelsdaten für eine breite Palette von Taxa systematisch erfasst und öffentlich zugänglich macht. Bei manchen Gruppen tauchen 75 Prozent der gehandelten Arten in US-Datensätzen auf; in Regionen wie Europa könnte der Handel jedoch vergleichbar oder höher sein, und niemand kann es sagen, weil die Daten nicht offen verfügbar sind.
Die Karte, die wir haben, ist also weitgehend eine Karte dafür, wo gut Buch geführt wird. Das sollte man klar sagen: Es ist eine Verzerrung, kein Befund darüber, wo gehandelt wird.
Ermutigend ist, dass die Lösung nicht exotisch ist. Hughes argumentiert, Länder könnten bestehende Zoll- und veterinärrechtliche Verfahren umfunktionieren, um ein robustes Überwachungssystem aufzubauen, räumt aber ein, dass dafür weitere Abstimmung nötig wäre, um es in großem Maßstab umzusetzen. Wir fügen eine eigene Warnung hinzu: Standardisierte, offene Berichterstattung ist trockene, langsame diplomatische Arbeit, und trockene Arbeit gewinnt selten Budgets. Widerstand aus Branchen, die von Intransparenz profitieren, würde uns nicht überraschen. Dieser letzte Punkt ist unsere Prognose, nicht eine Aussage der Studie.
Was daraus folgt
Die Zahl ist als Untergrenze und Warnung zu verstehen, nicht als Urteil über eine einzelne Art. Die Studie ist ein begutachteter Fachartikel, doch eine Schätzung auf lückenhafter Grundlage bleibt mit großer Unsicherheit behaftet.
Unsere Empfehlung ist einfach. Regierungen, die Handelsziele aushandeln, sollten Erfolg nicht mehr daran messen, wie viele Symboltiere abgedeckt sind, sondern fragen, welchen Anteil der gehandelten Arten ihre Ziele tatsächlich erreichen. Heute lautet die Antwort für das Handelsziel des globalen Biodiversitätsrahmens nach Schätzung der Forschenden: zwei bis drei Prozent. Solange sich das nicht ändert, wird „geschützt“ weiterhin „berühmt“ bedeuten.
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