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Curisfera-Redaktion
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Klimapolitik an Menschenleben messen, nicht an Grad: Der Notruf von The Lancet

Fast 3 Millionen Hitzetote seit 2016 zeigen: Klimapolitik sollte in Menschenleben und Stunden gefährlicher Hitze bewertet werden, nicht nur in Bruchteilen eines Grads.

Veröffentlicht
28. Oktober 2026
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3 min
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Foto: Mtaylor848 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Warum sprechen wir noch immer über den Klimawandel, als wäre er ein Thermometerproblem? „1,5 Grad“ ist eine Abstraktion. 710.000 hitzebedingte Todesfälle in einem einzigen Jahr, mehr als zwei Drittel davon dem menschengemachten Klimawandel zugeschrieben, sind es nicht. Der zehnte Bericht des Lancet Countdown, veröffentlicht am 28. Oktober, plädiert dafür, die Bezugsgröße zu wechseln.

Was der Bericht sagt

Laut dem Bericht, zitiert von Hindustan Times, wurde Hitze zwischen 2016 und 2023 mit durchschnittlich geschätzt 540.800 Todesfällen pro Jahr in Verbindung gebracht. 68 % davon gingen auf den Klimawandel zurück, gegenüber 55 % im Zeitraum 2006–2015. Allein 2023, im heißesten Jahr dieses Zeitraums, wurde mit 710.000 Todesfällen der Höchstwert verzeichnet, mehr als bei Malaria oder HIV. Insgesamt werden dem Klimawandel in diesem Zeitraum fast 3 Millionen Hitzetote zugeschrieben.

Die Autoren, 146 Forschende, wollen den Klimawandel als „globalen Gesundheitsnotstand“ anerkannt sehen, mit einem zwischen den Staaten koordinierten Notfallmechanismus, wie Boursorama berichtet. Vorbild wäre der Umgang der WHO mit Pandemien, doch laut Exekutivdirektorin Marina Romanello soll er „nicht auf eine Abfolge von Notfällen reagieren“, sondern eine kohärente langfristige Antwort liefern.

Todesfälle sind der bessere Maßstab als Grad

Ein Temperaturziel sagt wenig darüber aus, wer leidet. Eine Gesundheitskennzahl schon. Der Bericht hält fest, dass Südostasien und Afrika durch hitzebedingte Produktivitätsverluste das Äquivalent von 3,9 % beziehungsweise 3,2 % des BIP einbüßten, in Europa waren es 0,2 %. Dieselbe weltweite Erwärmung trifft eine Arbeiterin im Freien ganz anders als einen Büroangestellten mit Klimaanlage. Selbst die Zahlen für Indien sind konkret: mehr als 2.600 Stunden pro Jahr mit mäßigem oder höherem Hitzestressrisiko bei moderater Tätigkeit im Freien und rund 64 Stunden verlorener Schlaf pro Jahr durch heiße Nächte.

Aus unserer Sicht ist das die eigentliche Verschiebung. Würden Regierungen an Hitzeexposition und vermeidbaren Todesfällen gemessen, würden Ausgaben für Anpassung (Warnsysteme, Zugang zu Kühlung, Kliniken, die wissen, wer gefährdet ist) wohl nicht länger das Stiefkind des Klimaschutzes sein. Wir vermuten, dass Gesundheitsministerien dort einen Platz am Tisch bekämen, wo heute Energie- und Finanzministerien dominieren.

Es gibt zudem Belege dafür, dass die Gesundheitsperspektive Handeln belohnt. Der Bericht schreibt sauberer Luft zu, jährlich schätzungsweise 323.000 Todesfälle in mindestens 77 Ländern verhindert zu haben, in denen die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe seit 2016 gesunken ist. Dennoch verursacht diese Luftverschmutzung weiterhin 2,73 Millionen Todesfälle pro Jahr. Emissionen zu senken ist eine Gesundheitsmaßnahme mit messbarem Nutzen, kein Opfer für künftige Generationen.

Einschränkungen: Die Zahlen sind Modelle, und ein Etikett ist kein Budget

Diese Todesfälle werden nicht am Krankenbett als „klimabedingt“ gezählt. Wie Prof. Ollie Jay von der University of Sydney erläuterte, nahmen die Forschenden die von den Staaten erfassten Hitzetoten und zogen jene ab, die auch ohne Klimawandel aufgetreten wären, auf Grundlage eines kontrafaktischen Szenarios. Es handelt sich also um Schätzungen, weshalb wir die dritte Stelle nicht wörtlich nehmen würden. Die Kernaussage hängt davon jedoch nicht ab.

Auch skeptisch sind wir, ob eine Erklärung allein viel verändert. Ob das Etikett „Notstand“ Geld freisetzen würde, ist eine Prognose, keine Tatsache, und wir bezweifeln, dass es dies allein tut. Die Finanzierungslage ist nicht ermutigend: Wie Sud Ouest berichtet, stieg die Förderung der Forschung zu Klima und Gesundheit 2024 auf das Siebenfache, nämlich auf 316 Millionen US-Dollar, doch 84 % davon gehen an Forschende in reichen Ländern, während ärmere Länder am stärksten betroffen sind. Romanello sagte zudem, dass erstmals einige Datenquellen, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, verschwunden seien, darunter Subventionen für fossile Brennstoffe, die die US-Behörden nicht veröffentlichen. Was nicht mehr gemessen wird, lässt sich nicht steuern.

Was daraus folgt

Der Bericht erscheint vor der COP31 (9. bis 20. November). Unsere Empfehlung ist einfach: Verhandlungsführern und den eigenen Kommunalbehörden eine andere Frage stellen. Nicht „Wie lautet das Temperaturziel?“, sondern „Wie viele Stunden gefährlicher Hitze werden unsere Beschäftigten, Kinder und älteren Menschen erleben, und was schützt sie?“. Laut dem Bericht haben bislang nur 56 der 194 WHO-Mitgliedstaaten ihre Gesundheitssysteme angepasst. Die Ausrufung des Notstands ist der unwichtigste Teil dieses Dokuments. Es geht um die Kennzahl.

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