Geschichte & Archäologie
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Die Atombombe der Nazis, die es nie gab: Was zwei Uranwürfel verraten

Eine Simulation auf Basis zweier erhaltener Uranwürfel zeigt: Heisenbergs Beinahe-Version lag um etwa den Faktor zwei daneben, und der Mythos überlebte die Physik.

Veröffentlicht
22. Oktober 2026
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3 min
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Foto: Felix König / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Wie verliert man ein Rennen und deutet dann jahrzehntelang an, man sei nur eine Nasenlänge zurückgelegen? Werner Heisenbergs Nachkriegsdarstellung des deutschen Reaktorprojekts ist ein Paradebeispiel dieser Gattung, und eine neue Studie hat nun beziffert, wie großzügig sie war.

Im April 1945 senkte Heisenbergs Team in einem Keller in Haigerloch 664 Würfel aus Natururan in schweres Wasser, in einem Meiler namens B8. Eine Kettenreaktion kam nie in Gang. Heisenberg argumentierte später, etwas mehr Uran hätte genügt – eine Version, 1947 in Nature veröffentlicht. Eine Studie in PNAS Nexus unter Leitung von Patrick Park (Princeton) und Timothy Koeth (University of Maryland) hat den Reaktor aus zwei erhaltenen Würfeln und Archivdaten digital nachgebaut. Das Modell stimmt mit den Messungen von 1945 überein und ergibt einen Neutronenmultiplikationsfaktor von 0,94. Alles unter 1 läuft ins Leere.

Die Lücke war strukturell, kein Rundungsfehler

Die Schlagzeile ist 0,94, aufschlussreicher ist jedoch, was die Behebung gekostet hätte. Laut Orange wären etwa 3,1 Tonnen Uran und 3,5 Tonnen schweres Wasser nötig gewesen, gegenüber jeweils rund 1,5 Tonnen in B8. ScienceDaily fasst es so zusammen: etwa doppelt so viel Uran und mehr als doppelt so viel schweres Wasser, wie der Reaktor tatsächlich enthielt. Park sagte gegenüber Live Science, Heisenberg habe sich um etwa den Faktor zwei verschätzt.

Das ist wichtig, denn „etwas mehr Uran“ ist eine Geschichte über Willenskraft. „Von allem das Doppelte“ ist eine Geschichte über Industrie. Schweres Wasser kam aus einer einzigen Anlage im besetzten Norwegen, und Graphit, der amerikanische Weg, schied aus, weil deutsches Graphit Bor enthielt, das Neutronen aufsaugt. Ohne diese beiden Auswege war der Reaktor nicht fast funktionsfähig. Es war ein anderes Projekt als das, das Heisenberg beschrieb.

Ein digitaler Zwilling ist ein Beleg, kein Urteil über einen Menschen

Wir sollten vorsichtig sein. Der Zwilling sagt etwas über Neutronen, nicht über Absichten. Der Historiker Mark Walker nannte ihn eine interessante technische Analyse und wies zugleich auf deren kontrafaktische Seite hin – zu Recht. Die Studie kann nicht klären, ob Heisenberg das Programm absichtlich bremste, und erhebt diesen Anspruch auch nicht. Ob seine Nachkriegsaussagen eigennützig waren, ist unsere Deutung, kein Befund. Doch sie ist naheliegend: Ein Physiker, der den Krieg verloren hatte, hatte jeden Anreiz, das Scheitern als knappes Verfehlen oder als moralische Entscheidung darzustellen, und die Zahlen passen zu keinem von beiden.

Es gibt auch einen methodischen Punkt, der Lob verdient. Der Code ist auf GitHub offen, sodass jeder die Berechnung wiederholen kann. Eine seit 1947 bestehende Behauptung wird endlich so überprüft, wie es hätte geschehen sollen: von anderen, mit offengelegten Eingangsdaten. Das Team rechnete außerdem 1.222 Reaktorvarianten durch, und selbst die beste benötigte mehr Würfel und mehr schweres Wasser, als B8 enthielt.

Der Mythos hielt sich, weil er bequem war

Warum hielt sich das „Beinahe“ so lange? Weil es allen schmeichelte. Den Deutschen ließ es die Wissenschaftler kompetent und möglicherweise prinzipientreu erscheinen. Den Alliierten rechtfertigte es die Furcht hinter dem Manhattan-Projekt. Die Geschichte eines Programms, dem es an Material fehlte und das von Leuten geleitet wurde, die ihren Bedarf falsch einschätzten, ist weniger dramatisch als beide.

Ein Vorbehalt hält uns ehrlich: Reaktor ist nicht Bombe. Selbst ein kritischer B8 wäre nur ein erster Schritt in Richtung Plutonium gewesen, wie die Berichte betonen. Die Studie stößt nicht die gesamte Geschichte des Uranprojekts um, und unsere Quellen sind Presseberichte über eine einzelne Arbeit; eine unabhängige Replikation wäre hilfreich.

Unser Fazit: Die Frage „Wie nah waren die Nazis dran?“ sollte nicht länger als offen behandelt werden. Die Physik sagt nun: weit entfernt. Interessant ist vielmehr, warum die Antwort je umstritten war. Die Würfel erinnern daran, dass das Gedächtnis den ersten Entwurf der Geschichte schreibt und Messungen ihn irgendwann redigieren.

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